23. November 2009, Aktuelles, Uni Hohenheim

Studie über Computerspieler

Über 1.000 Onlinespieler wollen Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Quandt und sein Team im Netz und in der realen Welt beobachten und befragen. Weitere Ergebnisse liefern Interviews mit Experten – z.B. Herstellern von PC-Spielen und Politikern. Der 38jährige gehört zu den jüngsten Professoren der Universität Hohenheim und wurde erst zu Jahresbeginn im Rahmen des Ausbauprogramms 2012 auf seine erste ordentliche Professur berufen. Die EU bewertet das Forschungsvorhaben als herausragend und fördert es mit 1,8 Mio. €.

Möglicherweise wird sich die Gesellschaft in fünf Jahren von einigen Klischees verabschieden müssen. „Es gibt viele Hinweise, dass die bisherigen gesellschaftlichen Debatten über Computerspiele viel zu eindimensional sind“, meint Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Thorsten Quandt.

Wenig haltbar sei zum Beispiel das Klischee des isolierten Einzelgängers: „Online-Spiele lassen sich nur in der Gruppe erfolgreich spielen – man ist auf die Interaktion mit realen Menschen angewiesen.“ Auch die Gewaltdebatte werde oft einseitig geführt, ohne die Vielfältigkeit der Spielergruppen zu beachten. Bei sogenannten Killer-Spielen, wie dem umstrittenen Counter-Strike, würden zum Beispiel Profi-Gamer die blutigen Splatter-Effekte abschalten, um effektiver spielen zu können. „Hier kann man nicht alle Spielergruppen über einen Kamm scheren. Die Motivationen und potenziellen Wirkungen sind teilweise sehr unterschiedlich.“

Dies betreffe letztlich alle Computerspieler, deswegen sei Forschung dringend nötig: „Welche Unterschiede es zwischen Männern und Frauen oder verschiedenen Altersgruppen gibt und wie sich reales und virtuelles Leben langfristig gegenseitig beeinflussen – darüber wissen wir im Grunde heute fast gar nichts.“

Gleichzeitig sei eine solide Faktenbasis notwendiger denn je. Denn: „Die Gesellschaftspolitik wird noch von einer Generation bestimmt, die mit der aktuellen Entwicklung wenig anfangen kann“, so Prof. Dr. Quandt. Denn: „Die meisten Entscheider sind nicht mit solchen Medienangeboten aufgewachsen“. Außerdem würden diese häufig mit Studien konfrontiert, die nicht immer über den Verdacht erhaben seien, keine Eigeninteressen zu verfolgen.

Mit seiner repräsentativen Studie will es der junge Kommunikations-Professor nun genau wissen. „The social fabric of virtual life: A longitudinal multi-method study on the social foundations of online gaming (SOFOGA)”, lautet sein Forschungsantrag, der nun von der EU als exzellent bewertet wurde. Über fünf Jahre wird das Projekt mit 1,8 Millionen Euro gefördert.

Forschung im ethischen Spannungsfeld

Der Projektstart ist für Januar 2010 festgesetzt und bis dahin ist noch viel zu tun. „Es gibt eine Reihe von ungeklärten Fragen: Etwa wie Forscher damit umgehen, wenn sie während Ihrer Beobachtungen im virtuellen Raum Formen von Mobbing, sexueller Belästigung oder ähnlichem beobachten. Ein durchaus realistisches Problem, mit dem der Games-Forscher in früheren Studien bereits konfrontiert wurde.

„Sobald wir Jungendliche befragen oder beobachten wollen, gelten zudem besondere ethische Standards. Die befragten Personen müssen natürlich anonym bleiben, und die ‚Zumutungen’ für die Studienteilnehmer möglichst gering“, beschreibt Prof. Quandt diese Seite des Projekts.

„Sogar in diesem Feld betreten wir Neuland, da die bisherige Forschung auf die Klärung ethischer und rechtlicher Fragen in vielen Fällen weitestgehend verzichtet beziehungsweise diese ignoriert hat.“ Das Hohenheimer Team um Prof. Quandt wird die Zeit bis zum Start der Feldforschung nutzen, um entsprechende ethische Richtlinien für die Forscher zu erarbeiten.

Feldstudien im realen und virtuellen Leben

Die eigentliche Feldforschung läuft dann über drei Jahre. In einer sog. Panelstudie befragen die Forscher in strukturierten Interviews zwischen 1.000 und 2.000 Spielern zu Spielgewohnheiten aber auch zu vielen weiteren Aspekten ihres Lebens. Dabei handelt es sich immer um dieselben Personen, um Veränderungen beobachten und auswerten zu können. Die Auswertung läuft bereits parallel zur Forschung und verstärkt in der zweiten Projekthälfte.

„Konkret interessiert uns die Sozialstruktur der Spieler, vom Alter über den Beruf bis zur finanziellen Situation. Dann schauen wir uns ihr komplettes Spielumfeld, bestehend aus realer und virtueller Welt, an. Insgesamt geht es uns um die Interaktion zwischen den Spielern – also den Menschen in der computergenerierten Welt – und nicht um die Interaktion zwischen Mensch und Maschine“, erklärt Prof. Quandt. „Anders als bei vielen psychologisch orientierten Studien stehen bei uns nicht aggressive Spiele und Inhalte im Fokus der Studie. Wir gehen hier ohne jede vorbestimmte Erwartung in die Forschung und sind offen für jedes Ergebnis.“

Experteninterviews sichern Aktualität

Ergänzt wird die Spieler-Beobachtung durch Experteninterviews. „Wir wollen mit unserer Forschung so nah wie möglich dran sein. Deshalb befragen wir Industrie und Hersteller auch zu künftigen Entwicklungen, damit wir in der schnelllebigen Online-Welt nicht der Realität hinterher laufen.“

Weitere Experteninterviews führt das Team um Prof. Quandt mit Politikern und anderen Experten, um die Rahmenbedingungen für die Entwicklungen im Computerspielebereich besser abschätzen zu können.

Größter Fördererfolg für einen der Jüngsten der Universität

Was Forschungsgelder betrifft hat sich der 38jährige mit seinem Großprojekt ins Spitzenfeld der Universität Hohenheim katapultiert – und das bereits innerhalb seines ersten Jahres als ordentlicher Professor. Berufen wurde der Kommunikationswissenschaftler im Januar 2009 im Rahmen des Ausbauprogramms 2012, mit dem das Land Baden-Württemberg mehr Studienplätze für steigende Abiturientenzahlen schafft.

Zu der „überragenden Leistung im angesehenen Förderprogramm des Europäischen Forschungsrat“ gratulierte der Rektor der Universität Hohenheim, Prof. Dr. Hans-Peter Liebig dem dienstjungen Kollegen. „Dieses Projekt zeigt, dass die Universitäten mit dem Ausbauprogramm 2012 ein Instrument bekommen haben, mit dem sie Forschung und Lehre um höchst aktuelle Inhalte und auf qualitativ hohem Niveau ausweiten können.“

Auch seitens des Wissenschaftsministeriums Baden-Württemberg wurde der Erfolg besonders gewürdigt: „Sie haben mit Ihrem Forschungsprojekt einen bedeutenden Beitrag zur Erschließung neuer Wissensgebiete geleistet“, erklärte Wissenschaftsminister Prof. Dr. Peter Frankenberg in seiner Gratulation.

Prof. Dr. Quandt ist seit Januar 2009 Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft (insbesondere Interaktive Medien- und Onlinekommunikation) an der Universität Hohenheim. Vorherige Stationen seiner wissenschaftlichen Laufbahn sind die FU Berlin, an der er eine Juniorprofessur inne hatte, sowie die Ludwig-Maximilians-Universität München und die TU Ilmenau, wo er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war.

Exzellenz als Förderkriterium

Der Europäische Forschungsrat fördert die Hohenheimer Studie mit 1,8 Mio. Euro. Die Grundlage für ihre Entscheidung bildet allein die Exzellenz des Antrags, des Studienleiters und des Umfeldes. Besonders überzeugt zeigte sich die Expertenkommission des europäischen Exzellenzprogramms von dem ganzheitlichen Ansatz und der ergebnisoffenen Herangehensweise der Studie, die in diesem Forschungsfeld bisher fehlte.

Der Europäische Forschungsrat (ERC) ist eine von der Europäischen Kommission eingerichtete Institution zur Finanzierung von Grundlagenforschung (Pionierforschung). Förderung erhält insbesondere die sog. High-Risk-Forschung. Darunter versteht man Forschungsvorhaben, deren Scheitern nicht auszuschließen ist, da sie sich im wissenschaftlichen Neuland bewegen.

Hintergrund: Schwergewichte der Forschung

Rund 26 Millionen Euro an Drittmitteln akquirierten Forscher der Universität Hohenheim allein im vergangenen Jahr – gut 20 % mehr als im Vorjahr. In loser Folge präsentiert die Reihe „Schwergewichte der Forschung“ herausragende Forschungsprojekte mit einem Drittmittelvolumen von mindestens einer viertel Million Euro bzw. 125.000 Euro in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.
(Uni Hohenheim)



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