11. Februar 2010, Aktuelles, Uni Frankfurt

Gesellschaftliche Verantwortung der Volkswirtschaftslehre

Wird die Volkswirtschaftslehre ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht oder vernachlässigt sie den Beitrag, den sie zur Lösung wirtschaftspolitischer Probleme leisten sollte? Auch diese Frage steht im Zentrum eines Workshops mit anschließender Podiumsdiskussion zum Thema „Normen in der Volkswirtschaftslehre – Normen des volkswirtschaftlichen Curriculums“ am 18. und 19. Februar im IG-Hochhaus auf dem Campus Westend der Goethe-Universität. Die Vorträge des Workshops (18.2. ab 14.00 Uhr, 19.2. ab 9.00 Uhr, Raum 1.314 „Eisenhower-Saal“) stehen Vertretern der Medien offen. Um Anmeldung wird gebeten. Bei der Podiumsdiskussion (19.2., 16.30 bis 18.00 Uhr, Raum 311) ist auch die interessierte Öffentlichkeit herzlich willkommen. Die Veranstaltung gehört zum Teilprojekt „Genese von Normen in der ökonomischen Wissenschaft“ des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität.

Aktueller Hintergrund der Veranstaltung ist die Debatte unter deutschen Ökonomen über die Ausrichtung und die Methoden des Fachs Volkswirtschaftslehre. Auslöser dieses „Neuen Methodenstreits“ war der Plan der Universität zu Köln, ihre Wirtschaftspolitik-Lehrstühle umzuwidmen, um einen „international wettbewerbsfähigen“ Forschungsschwerpunkt für Makroökonomik zu schaffen. Das Vorhaben geriet schnell in die öffentliche Kritik und kulminierte in einem von 83 Professoren unterzeichneten Aufruf in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (5.5.2009) zur „Rettung der Wirtschaftspolitik“ an den deutschen Universitäten. Beantwortet wurde dieser durch einen von 188 Ökonomen unterzeichneten und im „Handelsblatt“ veröffentlichten Gegenaufruf „Baut die deutsche VWL nach internationalen Standards um!“ (8.6.2009), in dem für einen am amerikanischen Modell ausgerichteten „Dreiklang“ von Mikroökonomik, Makroökonomik und Ökonometrie plädiert wird.

In dieser Auseinandersetzung spielen konkrete wirtschaftspolitische Instrumente und Problemstellungen (wie z.B. die Finanzmarktkrise) nur eine Nebenrolle. Vielmehr geht es um die Frage, ob und wie das Fach Wirtschaftspolitik im volkswirtschaftlichen Unterricht noch einen Platz finden soll. Damit werden, so scheint es, Neuausrichtung und Normung volkswirtschaftlicher Forschung und Lehre an deutschen Universitäten selbst verhandelt. Die aufgeworfenen Fragen der inhaltlichen und methodischen Ausrichtung des Fachs Volkswirtschaftslehre laden zu einer intensiveren Erörterung von erkenntnistheoretischen Hintergründen der aktuellen Diskussion ein. Ist eine objektive und werturteilsfreie wirtschaftspolitische Forschung möglich und wünschenswert? Welche methodischen Mittel sind der Entwicklung von wirtschaftspolitischen Instrumenten und Konzepten besonders zuträglich? Ein Blick in die Theoriegeschichte des Fachs zeigt, dass diese Fragen keineswegs neu sind. So wurde beispielsweise vor und nach der Weltwirtschaftskrise in der Weimarer Republik die Reflexion wirtschaftspolitischer Optionen vor dem Hintergrund unterschiedlicher theoretischer Paradigmen geführt. Zu diesen theoretischen Strömungen zählten die Historische Schule, die Österreichische Schule und auch Ökonomen, die sich im Anschluss an die englische Klassik der „isolierenden Methode“ annäherten und sich „Ricardianer“ nannten.

Der Workshop unter der Leitung von Prof. Volker Caspari (TU Darmstadt) und Prof. Bertram Schefold (Goethe-Universität) möchte den Grundlagen der jeweiligen Positionen in dem „Neuen Methodenstreit“ auch aus theoriegeschichtlicher Perspektive nachgehen. Zu Beginn des Workshops wird Prof. Rainer Klump, Vizepräsident der Goethe-Universität und selbst Volkswirtschaftler, über die Zielsetzung des Clusters „Normative Ordnungen“ in Bezug auf Forschung und Lehre sprechen. In der Podiumsdiskussion soll der volkswirtschaftliche „Methodenstreit“ einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt werden. Die Moderation hat Gerald Braunberger (FAZ). Es diskutieren: Prof. Rüdiger Bachmann (University of Michigan), Prof. Nicola Fuchs-Schündeln (Goethe-Universität), Prof. Nils Goldschmidt (Universität der Bundeswehr, München), Prof. Bert Rürup (emeritierter Professor der TU Darmstadt und langjähriger Berater der Bundesregierung in sozialpolitischen Fragen), Prof. Roland Vaupel (Universität Mannheim) und Prof. Carl Christian von Weizsäcker (emeritierter Professor der Universität zu Köln und Senior Research Fellow am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, Bonn). (Uni Frankfurt)



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