1. Dezember 2010, Aktuelles, Uni Jena

Lernfreude bei Einwandererkindern

Schüler mit Migrationshintergrund haben in Deutschland mehr Spaß am Lernen. So überraschend das klingen mag, neu ist diese Erkenntnis nicht. Bereits die PISA-Studie ermittelte eine solche Lernfreude bei Einwandererkindern. Doch neben den vielen Zahlen, wer wie gut und wie schlecht ist, schien kein Platz für solche positiven Nachrichten.

Eine neue Studie hat nun einmal genau untersucht, wie Kinder die Schule betrachten und was sie zum Lernen motiviert. Danach befragte der Erziehungswissenschaftler Dr. Carsten Rohlfs von der Friedrich-Schiller-Universität Jena 1.689 Bremer Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen sieben und neun, die Hälfte davon mit Migrationshintergrund. „Es war mir sehr wichtig zu klären, welche Meinung Schüler über Schule haben“, erklärt der Jenaer Bildungsforscher die Motivation für sein Habilitationsprojekt. „Zu diesem Thema kursieren ja genug Klischeevorstellungen über unwillige und faule Schüler in der Öffentlichkeit.“

Dabei stellte Rohlfs fest, dass den meisten Schülern Schule sehr wichtig ist und sie überwiegend positiv wahrgenommen wird. Insgesamt drei Viertel der Befragten sind motiviert, leistungsorientiert und außerdem sehr lernfreudig. Allerdings teilt sich diese Motivation in verschiedene Gruppen. Die Mehrheit von etwa 60 Prozent der Schüler ist vor allem pragmatisch motiviert. Sie weiß zwar, wie wichtig Bildung, Schule und ein guter Abschluss sind, das geht aber auf Kosten des Spaßes beim Lernen. Zu dieser Gruppe zählen vor allem deutsche Kinder und Jugendliche. 13 Prozent der untersuchten Bremer Schüler wissen zwar um die Bedeutung eines guten Schulabschlusses, fühlen sich aber nicht wohl in der Schule. Die „unzufrieden Gelangweilten“, wie Rohlfs sie nennt, haben oft sogar Angst, etwa vorm Versagen. Auch diese Gruppe besteht hauptsächlich aus Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Sie steht im krassen Gegensatz zu den intrinsisch motivierten Schülern, die bildungsbegeistert mit viel Interesse und Spaß versuchen, den Unterrichtsstoff aufzusaugen. Hier sind die Einwandererkinder eindeutig in der Überzahl. „Eigentlich müsste ja der Druck auf die Kinder mit Migrationshintergrund mindestens genauso groß sein wie auf einheimische, denn viele Familien sehen natürlich in mehr Bildung auch den Schlüssel zu einem besseren Leben“, resümiert Rohlfs. „Aber erstaunlicherweise halten Neugier und Lernfreude dieser Belastung stand.“

Leider schlägt sich das seltener in den schulischen Leistungen nieder. Sprachschwierigkeiten etwa oder unbewusste Diskriminierungen durch die Institution Schule oder das Schulsystem lassen viele Schüler mit schlechteren Zensuren nach Hause kommen. „Viele Studien belegen, dass Schüler mit Migrationshintergrund oft in ihrer Leistungsbereitschaft und ihrer Lernfreude ausgebremst werden, ohne dass sie etwas dafür können“, erklärt der Jenaer Erziehungswissenschaftler. „Sie bekommen beispielsweise seltener Empfehlungen für höhere Schulen, weil die Lehrer befürchten, dass die Eltern es sich notfalls nicht leisten könnten, Nachhilfestunden zu bezahlen.“ Gerade in öffentlichen Diskussionen, wie der angeblich so realitätsnah angelegten Sarrazin-Debatte, würden solche Tatsachen aber gern ausgeblendet.

Die Motivation aller Schüler zu steigern, ist schon mit wenigen Mitteln möglich. „Wichtig ist, dass Schüler sich in eine Klasse eingebunden fühlen, sich also schon allein sozial wohl fühlen“, erklärt Carsten Rohlfs. „Sie sollten sich selbst als kompetent erleben, damit sie selbst wissen, was sie können. Außerdem sollten sie ein gewisses Mitbestimmungsrecht in der Schule haben, um sich aus sich selbst heraus motivieren zu können und nicht durch Druck von außen.“ (Uni Jena)



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