29. Dezember 2010, Aktuelles, Uni Frankfurt

Einbeziehung von öffentlichen Verkehrsmitteln in Mobilitäts-Routinen

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier: Fährt er die Strecke zur Arbeit immer mit der U-Bahn, wird er dies auch tun, wenn der Partner das gemeinsame Auto einmal nicht braucht, weil er mit dem Zug auf eine Dienstreise gefahren ist. Um Mobilität nachhaltig gestalten zu können, ist es grundlegend zu verstehen, in welchen Situationen Menschen eingefahrene Routinen durchbrechen. Martin Lanzendorf, Stiftungsprofessor für Mobilitätsforschung an der Goethe-Universität, hat in Befragungen die „Mobilitätsbiografien“ einer großen Anzahl von Menschen rekonstruiert und darin Schlüsselereignisse gefunden: die bestandene Führerscheinprüfung, die Geburt eines Kindes oder ein Wohnortwechsel. In der neuen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ zeigen er und Dennis Tomfort, wie die Stadt München durch „Neubürger-Marketing“ Zugezogene dazu bewegt, öffentliche Verkehrsmittel verstärkt in ihre neuen Mobilitäts-Routinen einzubeziehen.

Die gesellschaftlichen Entscheidungen für die Mobilität der Zukunft werden nicht ohne das Zutun der Nachfrager getroffen. Von dieser Annahme gehen auch Dr. Konrad Götz und Dr. Jutta Deffner vom Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt aus. „Entscheidend wird sein, welche Konzepte die Nutzer annehmen werden, da sie ihre Lebensqualität und Mobilität nicht einschränken wollen“, weiß Deffner. Im Projekt Future Fleet geht es dem ISOE deshalb darum, wie alltagstauglich Elektromobilitätskonzepte für die Nutzerinnen und Nutzer sein müssen, damit sie auch in Dienstwagenflotten erfolgreich sein können.

„Denkt man über alle möglichen Mobilitätsszenarien der Zukunft nach, gelten nach wie vor die drei Vs: vermeiden, verlagern, verträglich abwickeln“, erläutert Konrad Götz die Zielrichtung der Mobilitätsforschung. Deshalb geht es zunächst darum, Verkehr zu vermeiden, ihn dann auf umweltfreundliche Fortbewegungsformen wie Fahrrad, Gehen und ÖPNV zu verlagern und schließlich zum Beispiel um die technische Optimierung von Fahrzeugen. Hier könnten Elektrofahrzeuge eine Rolle spielen.

Sinnvoll erscheint nach derzeitigem Stand der Forschung die Integration von Elektrofahrzeugen in multioptionale Systeme, die verschiedene Formen der Mobilität komfortabel miteinander kombinieren und das Zufußgehen in der frischen Luft ausdrücklich einbeziehen. „Am besten werden sie als Fahrzeuge, die man fahren kann, aber nicht besitzen muss, bereitgestellt“, so Götz. Beispielhaft sind hier das moderne Car-Sharing, aber auch Pilotprojekte wie Car2Go in Ulm und Austin (Texas). Von Wind, Sonne und Wasser angetriebene Pedelecs, Roller, Motorräder, Dreiräder, Kabinen, Autos und was sonst noch in Zukunft erfunden wird, wären nutzbar, ohne dass die mobilen Menschen sich mit dem Kauf, der Wartung und Pflege belasten müssen.

Welche technischen Voraussetzungen für den umweltfreundlichen Betrieb von Elektrofahrzeugen erfüllt werden müssten, wie man sie in Energienetze für erneuerbare Energien integrieren könnte und welche Elektrofahrzeuge schon jetzt auf dem Markt sind, erläutern Deffner und Götz in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“. (Uni Frankfurt)



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