5. April 2011, Uni Hohenheim

Tiefer Graben zwischen Politikern und Bevölkerung

Die Politik begünstige den Finanzsektor mehr als den Steuerzahler und werde die Krise nicht in den Griff bekommen – so lässt sich die mehrheitliche Stimmung in der Bevölkerung und unter Top-Entscheidern zusammenfassen. Zu diesem Ergebnis kommen zwei neue Studien der Universität Hohenheim (Stuttgart) im Auftrag der ING-DiBa AG (Frankfurt). Befragt wurden 1.000 Personen ab 14 Jahren und 252 Top-Entscheider aus Real- und Finanzwirtschaft. Erhebungszeitraum war Dezember 2010 sowie Januar und Februar 2011.

„Zwischen der politischen Kaste und dem Volk bildet sich ein tiefer Graben“, sagt Prof. Dr. Claudia Mast, Professorin für Kommunikationswissenschaft und Journalistik an der Universität Hohenheim (Stuttgart). „Eine weitere Kluft entsteht zwischen der Finanzbranche und der übrigen Wirtschaft, der sog. Realwirtschaft.“

Laut zweier Studien ihres Lehrstuhls bezweifeln mehr als die Hälfte der Bevölkerung (53,7 %) und zwei Fünftel der Entscheider aus Real- und Finanzwirtschaft (40,5 %), dass die Politik die Krise auf den Finanzmärkten in den Griff bekommen wird. Sie attestieren ihr stattdessen mangelnde fachliche Kompetenz, um die Strategien der Finanzbranche zu durchschauen, heißt es in der Studie der Universität Hohenheim. Knapp 60 bzw. 64 % der Befragten beider Seiten weisen auf diesen Mangel an Fähigkeiten und Wissen in der Politik hin. Darüber hinaus misstrauen sie dem Willen der Politik, die Finanzbranche zur Lösung der Krise „an die Kandare“ zu nehmen.

Vor allem die Bevölkerung ist hier besonders skeptisch. Knapp drei Viertel der Bürger (74,0 %), aber auch mehr als die Hälfte der Entscheider (51,2 %) glauben, dass die Politik die Interessen des Finanzsektors mehr im Blick hat und stärker berücksichtigt als die der Steuerzahler.

„Politik und Finanzwirtschaft haben nichts aus der Krise gelernt“
Die beiden repräsentativen Umfragen für die Studie der Universität Hohenheim bestätigen das tiefe Misstrauen der Bürger und Entscheider gegenüber Politik und Finanzwirtschaft. Eine gemeinsame Lösung der Finanzkrise scheint den Befragten in weiter Ferne zu sein.

Die Bürgerinnen und Bürger bezweifeln dabei noch stärker als die Führungskräfte in den Unternehmen den Willen und die Lösungskompetenz von Politikern und Bankmanagern. Doch auch bei den Entscheidern zeigt sich eine tiefe Skepsis. Mehr als jeder Zweite ist der Überzeugung, dass Banken und Versicherungen aus der Finanzkrise nicht gelernt haben. Knapp drei Viertel der Bevölkerung sind der gleichen Auffassung.

„Realwirtschaft leidet und der Steuerzahler ist Zahlmeister“
Dieses Misstrauen wiegt schwer, weil mehr als die Hälfte der Bürger und der Entscheider die Finanzbranche samt Politik verantwortlich machen, den Stein zur Krise ins Rollen gebracht zu haben. Bezahlen müssen ihrer Ansicht nach hingegen andere dafür. Allen guten Konjunkturdaten und Aufschwungprognosen zum Trotz glauben mehr als drei Viertel der Entscheider und knapp 60 % der Bevölkerung, dass die Realwirtschaft durch die Finanzkrise Nachteile hat. Der Steuerzahler wird als der Zahlmeister für das aus den Fugen geratene Finanzsystem und die exorbitanten Boni der Finanzmanager wahrgenommen.

Für die zukünftige Entwicklung der Wirtschaft sind dies trübe Aussichten. „Weder die breite Bevölkerung noch die Führungsmannschaft der Unternehmen glauben noch an die fachlichen Fähigkeiten und den Durchsetzungswillen der Politiker“, sagt Claudia Mast. Laut Studie haben sie kein Grundvertrauen mehr – nicht in die Lösungskompetenz der Politik und schon gar nicht in das gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein der Finanzbranche.

„In dieser Situation des Misstrauens und des Umbruchs kommt es auf die Medien an“, fordert Claudia Mast. Denn sie würden das Scharnier zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik bilden. Für die Entscheider seien vor allem Wirtschaftsmedien eine zentrale Anlaufstelle für Informationen über Fakten und Einschätzungen über Entwicklungen.

Häufigste Informationsquelle für die inzwischen misstrauischen Entscheider und Führungskräfte in der Wirtschaft ist – laut Studie – vor allem das „Handelsblatt“ (30,2 %). Als wichtige überregionale Medien bei Wirtschaftsthemen werden darüber hinaus die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (22,2 %) und „Spiegel Online“ (16,3 %), sowie die „Wirtschaftswoche“ (14,3 %) und die „Financial Times“/„Financial Times Deutschland“ (13,9 %) genannt.

Zur Studie
Die Ergebnisse sind Teil einer Studie zum Wirtschaftsjournalismus nach der Finanzkrise. Die Gemeinschaftsstudie des Fachgebiets Kommunikationswissenschaft und Journalistik der Universität Hohenheim (Stuttgart) und der ING-DiBA AG analysiert Grundlagen und Verantwortung des Wirtschaftsjournalismus, untersucht Bedingungen und Arbeitsweisen der Macher und legt Nutzungsmuster sowie Erwartun-gen des Publikums offen. Ziel der Studie ist eine systematische Bestandsaufnahme des Wirtschaftsjournalismus und seines Publikums. Detaillierte Ergebnisse werden Ende 2011 vorliegen.

Die aktuelle, repräsentative Bevölkerungsbefragung sowie die Entscheiderbefragung wurden mittels computergestützten Telefoninterviews (CATI: Computer Assisted Telephone Interviewing) anhand eines strukturierten Fragebogens durchgeführt. Der Befragungszeitraum war im Dezember 2010 sowie Januar und Februar 2011. Die Erhebung der Daten erfolgte durch forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen mbH (Berlin). Insgesamt wurden bei der Bevölkerung 1.000 Personen ab 14 Jahren befragt. Im Rahmen der Entscheiderumfrage wurden 252 Top-Entscheider aus Real- und Finanzwirtschaft befragt

Das Fachgebiet für Kommunikationswissenschaft und Journalistik der Universität Hohenheim (Stuttgart) ist seit vielen Jahren in den Gebieten Journalismus, Public Relations und Kommunikationsmanagement tätig. Lehrstuhlinhaberin Prof. Dr. Claudia Mast und ihr Team legen den Schwerpunkt ihrer Forschungsarbeit auf anwendungsorientierte, interdisziplinäre Untersuchungen, deren Ergebnisse durch einen schnel-len Transfer an Entscheider in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft weitergegeben werden. Aktuelle For-schungsschwerpunkte sind Innovationen im Journalismus, Wirtschaftskommunikation, Unternehmensre-putation sowie Glaubwürdigkeit und Vertrauen in Kommunikationsbeziehungen. (Uni Hohenheim)



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