10. Mai 2011, Uni Jena

Polnische Dramen in Deutschland zwischen 1945 und 1995

Zu zeigen, inwiefern polnische Dramen zwischen 1945 und 1995 im Osten auf andere Weise rezipiert worden sind als im Westen Deutsch­lands, da­rum ging es den Slawisten PD Dr. Christine Fischer und Prof. em. Dr. Ulrich Stelt­ner im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsge­mein­schaft (DFG) geför­der­ten Projekts. Ihre Ergebnisse haben die Slawisten der Univer­si­tät Jena kürzlich unter dem Titel „Polnische Dramen in Deutschland. Überset­zun­gen und Auffüh­run­gen als deutsch-deutsche Rezeptionsgeschichte“ veröf­fentlicht. Die Untersuchung versteht sich als ein Beitrag zur literaturbezogenen Kulturge­schich­te.

Steltner und Fischer zeigen die Rezeption der Dramen anhand von Doppel­über­setzungen und Theaterkritiken. Während sich Christine Fischer der Ana­ly­se der Tex­te widmete, beschäftigte sich Ulrich Steltner vor allem mit den Kon­texten. Wie Fischer erklärt, seien zwischen Ost und West signifikante Unter­schie­de auszuma­chen. „Zu mehr als dreißig Stücken“, sagt sie, „gab es eine Fassung Ost und eine Fas­sung West.“ Das sei zum einen dem Individualstil des jeweiligen Übersetzers ge­schuldet und somit nicht zwingend politisch mo­tiviert gewesen. Andererseits sei eine Tendenz auszumachen, nach der ost­deutsche Übersetzer wie Henryk Beres­ka näher am Originaltext geblieben seien. Entsprechend beibehalten wurden mit ty­pisch polnischen Realien verbundene Ausdrücke (z. B. „Szlachta“ für „Adel“). „Man setzte voraus, dass das Publikum diese verstehen konnte“, sagt Fischer. An­ders im Westen, wo Übersetzer wie Peter Lachmann oder Ilka Boll generell freier mit den Texten verfahren seien.

Zu den – sowohl im Osten als auch im Westen Deutschlands – bekanntesten pol­ni­schen Dramatikern zählen Witold Gombrowicz, Tadeusz Różewicz und Sławomir Mrożek. Gombrowicz, der Autor des Stücks „Yvonne, die Burgunderprinzessin“, sei zwar insbesondere im Westen beliebt gewesen, dürfe aber nach der Wieder­ver­­eini­gung auch gesamt­deutsch betrachtet als der meistaufgeführte polnische Au­­tor gel­ten. Sowohl im Osten als auch im Westen Deutschlands gern aufgeführt wur­den Mrożeks „Emigranten“. Auch an Różewicz waren – nicht zuletzt wegen sei­ner Nä­he zur Groteske – die Theater in beiden deutschen Staaten interessiert.

„Man muss aber immer auch die unterschiedlichen Rezeptionsphasen in Be­tracht zie­hen“, sagt Christine Fischer. Hierzu haben sie und Ulrich Steltner das in der Po­lonistik gängige, an signifikanten politischen Ereignissen und dem gesell­schaft­li­chen Kli­ma orientierte Dreiphasenmodell herangezogen. Es geht von einer ersten Phase zwischen 1945/49 und 1956/57, von einer zweiten zwischen 1956 und 1970 sowie einer dritten zwischen 1970 und 1989 aus. Das Erkennt­nisinteresse bestand nicht zuletzt darin, wer in einem bestimmten Zeitraum wahr­genommen wurde – und warum.

„In der ersten Rezeptionsphase sind polnische Dramen im Westen noch gar nicht so beachtet worden“, sagt Christine Fischer. Im Osten seien vor allem Le­on Krucz­kowskis „Sonnenbrucks“ aufgeführt worden, in denen eine deutsche Familie wäh­rend der NS-Zeit dargestellt wird. Es sei dies ein sozialistisch angehauchtes Stück gewesen, über dessen Qualität bis heute diskutiert werde. Auch im Westen kam Kruczkowski auf die Bühne – allerdings in der zweiten Rezeptionsphase, insbe­son­dere mit „Der erste Tag der Freiheit“, das sich weniger als Agit-Prop-Text ver­ein­nah­men ließ. Es lasse sich also eine gewisse zeitliche Verzögerung der Rezep­tion im Westen ausmachen.

Als eine gesamtdeutsche Gemeinsamkeit konnten Steltner und Fischer die Dif­fe­renz des sinnenfrohen polnischen Theaterstils zum traditionellen deutschen Sprech­­theater erkennen. „Gerade zwischen 1970 und 1989 wurden Gastspiele von Polen gut angenommen“, weiß Fischer. Die Kritiken fielen überwiegend positiv aus. Wo­möglich fühlten sich deutsche Theaterbesucher gerade durch die Authen­ti­zität des hierzulande eher fremden sinnenfrohen Moments angezogen.

Christine Fischer/Ulrich Steltner: Polnische Dramen in Deutschland. Überset­zun­gen und Aufführungen als deutsch-deutsche Rezeptionsgeschichte 1945-1995, Böhlau Verlag, Köln-Weimar-Wien 2011, 297 Seiten, Preis: 39,90 Euro, ISBN 978-3-412-20669-7 (Uni Jena)



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