17. März 2010, Aktuelles, Medizin, Uni Gießen

Das ungewöhnliche Liebesleben der Schistosomen

Nach der Malaria ist die Bilharziose (auch Schistosomiasis genannt) die weltweit häufigste parasitäre Infektionskrankheit. Verursacht wird sie durch Schistosomen, das sind Wurmparasiten, die in den Blutgefäßen ihrer Wirte leben und dort ihre Eier ablegen. Die Eier werden in verschiedene Organe verschleppt und führen vor allem in Leber und Darm zu schwerwiegenden Entzündungen, die tödlich verlaufen können. Im Institut für Parasitologie des Fachbereichs Veterinärmedizin der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) erforscht die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Christoph Grevelding das ungewöhnliche Liebesleben der Schistosomen, denn durch die Eiproduktion werden die pathologischen Folgen der Infektion verursacht. Ihre Forschungsergebnisse präsentieren die Gießener Wissenschaftler auf der 24. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Parasitologie, die vom 16. bis 20. März 2010 in Düsseldorf stattfindet.

Die Aufklärung entwicklungsbiologischer und physiologischer Prozesse in Schistosomen ist für die Entdeckung neuer Strategien zur Bekämpfung der Bilharziose von großer Bedeutung: Es gibt Hinweise auf Resistenzen gegen das einzige zur Verfügung stehende Medikament, und die Entwicklung eines Impfstoffes ist trotz großer internationaler Anstrengungen bislang nicht gelungen.

Die auch als Pärchenegel bezeichneten Würmer zeigen ein im Tierreich nahezu einmaliges Phänomen: die vom Männchen induzierte und aufrechterhaltene sexuelle Reifung des Weibchens. Während des Paarungskontaktes, der ein Wurmleben lang andauert, werden vom Männchen biochemische Prozesse im Weibchen ausgelöst, die zur Entwicklung der Reproduktionsorgane führen. Die Gießener Arbeitsgruppe hat bereits Signalmoleküle aus Schistosomen identifiziert, die die sexuelle Reifung des Weibchens beeinflussen – darunter Moleküle, die beim Menschen mit der Entstehung von Krebs in Zusammenhang gebracht werden.

In vitro-Experimente mit Substanzen, die in der humanen Krebstherapie eingesetzt werden, zeigten negative Effekte auf die Schistosomen bis hin zum Tod der Würmer innerhalb kurzer Zeit. Noch stehen in vivo-Experimente aus, die die Wirkung dieser Substanzen unter realen Bedingungen belegen. Dennoch geben die Ergebnisse Anlass zur Hoffnung, dass sich auf Basis bereits etablierter Krebsmedikamente neue Perspektiven für alternative Behandlungskonzepte der Bilharziose ergeben. (Uni Gießen)



» Diesen Artikel via Mail weiterempfehlen





Schreiben Sie einen Kommentar »



Das könnte Sie auch interessieren:

DVD “Performing Science²” – Innovative Wissenspräsentation

Wer wissen will, was ein Bose-Einstein-Kondensat ist, kann sich an einer x-beliebigen deutschen Universität in eine Physikvorlesung setzen. Dort wird der Dozent ein – in der Regel schwer verständliches – Referat über das Phänomen halten, bei dem er eventuell vom…

Bild: Uni Gießen

Thilo Marauhn in Internationale Humanitäre Ermittlungskommission gewählt

Auf Vorschlag der Bundesrepublik Deutschland ist der Gießener Völkerrechtler Prof. Dr. Thilo Marauhn in die Internationale Humanitäre Ermittlungskommission gewählt worden. Er soll gemeinsam mit den 14 anderen neu gewählten Mitgliedern Kriegsverbrechen und andere Völkerrechtsverletzungen untersuchen. An der Wahl, die Anfang…

Forschungsanstalt Geisenheim wird eigenständige Hochschule

Die Nachricht aus Wiesbaden, dass die 1872 gegründete Forschungsanstalt Geisenheim, eine der ältesten Forschungseinrichtungen des Wein- und Gartenbaus im deutschsprachigen Raum, zum 1. Januar 2013 eine eigenständige Hochschule mit besonderer Ausrichtung werden soll, ist an der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) mit…

Arbeitslose Männer für Rechtsextremisten empfänglich

Arbeitslosigkeit ist dazu angetan, vor allem Männer in die Arme von Rechtsextremisten zu treiben. 20 % der Wähler von NPD, Republikanern und DVU sind nach einer repräsentativen Studie der Selbständigen Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig…

Bild: Michael Jordan/DAAD

AA-Preis für “Lokal International”

Das internationale Studierenden-Begegnungszentrum „Lokal International“ ist mit dem „Preis des Auswärtigen Amtes für exzellente Betreuung ausländischer Studierender an deutschen Hochschulen“ (AA-Preis) ausgezeichnet worden. Das Kooperationsprojekt der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) und des Studentenwerks Gießen wurde 2009 gegründet, gefördert durch das PROFIN-Programm…

Weitere Beiträge zum Thema: