22. Dezember 2010, Uni Gießen

Ein Jahr didaktische Lernwerkstatt an der Uni Gießen

Grund zur Freude am Institut für Heil- und Sonderpädagogik an der Justus-Liebig-Universität Gießen: Die didaktische Lernwerkstatt/Beratungsstelle zur präventiven Lernförderung besteht nun seit einem Jahr. Studierende mit der Fachrichtung Pädagogik bei Beeinträchtigung des Lernens und der sozial-emotionalen Entwicklung haben in der Lernwerkstatt die Gelegenheit, Grundschüler präventiv zu fördern. Angeleitet werden sie dabei von Lehrkräften des Instituts für Heil- und Sonderpädagogik; das Angebot erfolgt in Kooperation mit dem Staatlichen Schulamt. Die Lernwerkstatt wird geleitet von Prof. Dr. Christiane Hofmann (Institut für Heil- und Sonderpädagogik) und ihren Mitarbeitern Dipl.-Päd. Dorothea Waniek, Dr. Dipl.-Päd. Arno Koch und Dr. Elisabeth von Stechow. Sie verfolgt zwei Ziele: Die Studierenden lernen, an Fällen aus der Praxis zu arbeiten. Und bei den Schülern kann durch diese frühe Unterstützung dem Schulversagen vorgebeugt werden, das häufig im Verbund mit Verhaltensauffälligkeiten auftritt.

Zurzeit werden 22 Schülerinnen und Schüler von 20 Studierenden einmal wöchentlich gefördert – drei in Mathematik, alle anderen in Rechtschreibung. Sie besuchen überwiegend die erste oder zweite Klasse; es gibt aber auch Anfragen aus dem Bereich der Sekundarstufe. Beteiligt sind die Goetheschule, die Sandfeldschule, die Pestalozzischule und die Käthe-Kollwitz-Schule in Gießen. Verantwortlich für die Kooperation, die inhaltlichen Absprachen und die Organisation mit den Schulen ist die Sonderschullehrerin Karin Kunz, die vom Staatlichen Schulamt für diese Arbeit an der Universität Gießen mit einer halben Stelle freigestellt wurde.

Nach einem Jahr zieht die Leiterin der didaktischen Lernwerkstatt, Prof. Dr. Christiane Hofmann, eine positive Bilanz: So sind die Rückmeldungen zu den geförderten Schülerinnen und Schülern durchweg positiv. Erfreulich ist auch, dass die Kooperation mit den jeweiligen Grundschullehrkräften den Dialog zwischen Grund- und Förderschulpädagogen intensiviert hat. Sie zeigt zudem, dass gutes didaktisches Handwerk die Grenze zwischen den jeweiligen Aufgabenfeldern – die Arbeit mit Regel-/beziehungsweise Förderschülern – durchlässiger macht. Dies ist ein wichtiger Schritt hin zu einer inklusiven Schule; einer Schule, in der Kinder und Jugendliche unabhängig von ihren Fähigkeiten oder Beeinträchtigungen gemeinsam unterrichtet werden.

Auch für die Ausbildung der zukünftigen Lehrkräfte, die in inklusiven Umgebungen arbeiten werden, wurden bereits Weichen gestellt. So ist das Institut für Heil- und Sonderpädagogik eng vernetzt mit dem Bachelor-Studiengang „Bildung und Förderung in der Kindheit“: Inhalte aus den Fachrichtungen der Sonderpädagogik (Sprachheilpädagogik, Pädagogik bei geistiger Behinderung, Pädagogik bei Beeinträchtigung des Lernens und der sozial-emotionalen Entwicklung) kennzeichnen den zukünftigen gemeinsamen Aufgabenbereich, für den die angehenden Erzieherinnen und Erzieher qualifiziert werden unter dem Aspekt des Lernens und der Entwicklung unter erschwerten Bedingungen. Außerdem kooperieren die Mitarbeiter des Instituts für Heil- und Sonderpädagogik und die Kollegen aus dem Lehramt an Grundschulen: Hier gibt es ein Modul, das die angehenden Grundschulehrkräfte für Auffälligkeiten in der Sprache, des Lernens und der Entwicklung sensibilisiert.

In diesem Zusammenhang kommen weitere Aufgaben auf die Lernwerkstatt zu: Immer mehr Lehrkräfte aus Regelschulen sind an Fortbildungsveranstaltungen interessiert, die ebenfalls von der Lernwerkstatt angeboten werden. Das Angebot umfasst unter anderem den Anfangsunterricht im Rechnen, Schreiben und Lesen, den Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern und Hilfen beim classroom-management im Zusammenhang mit differenzierenden Lernangeboten.

Wissenschaftlich unterstützt wird dieses Aus- und Fortbildungsangebot durch eine vergleichende Längsschnittstudie mit Finnland, Südtirol (Italien) und Deutschland (Christiane Hofmann, Arno Koch, Leena Holopainen, Siegfried Baur, Kristin Bauer), in der die Lernfortschritte im Schriftspracherwerb innerhalb der ersten beiden Schuljahre von insgesamt 30 Schulklassen zu sechs Zeitpunkten untersucht werden. Diese Studie soll Aufschluss geben über die Bedeutung struktureller Unterschiede in den jeweiligen Ländern und der Bedeutung der Lehrkräftekompetenz im Anfangsunterricht. (Uni Gießen)



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